|
0082
Arbeiten von 6 KünstlerInnen im Kunstverein Ganderkesee 7. Okt -
12. Nov. 1995
Eine
Ziffernfolge als Titel einer Ausstellung ist ungewöhnlich-" 0082
klingt kryptisch und mutet wie ein geheimer Code an. Dies, obwohl
wir täglich beim Telefonieren mit ähnlichen Ziffernfolgen umgehen.
Jeder wird sich beispielsweise an Situationen im Ausland erinnern
können, wenn man mühevoll versucht, die entsprechende Vorwahl für Deutschland
herauszufinden. Die nationale Vorwahl bildet eine Brücke über die
tatsächliche Distanz zu den in der Heimat Gebliebenen. Für die Minuten
des Telefonats kann man sich der Illusion hingeben, die tatsächliche
Distanz zu diesen Menschen sei problemlos überwindbar.
"0082"
ist die koreanische Vorwahl von Deutschland aus. Für alle sechs an
der Ausstellung beteiligten Künstler hat sie eine besondere Bedeutung.
Sie stammen aus Korea und haben in Seoul eine erste künstlerische
Ausbildung absolviert, bevor sie in den Jahren 1990/91 an die Akademie
Münster kamen, um sich hier unter dem Einfluß europäischer Kultur weiterzuentwickeln.
Die
Idee einer gemeinsamen Ausstellung reicht mehr als ein Jahr zurück.
Immer wieder haben sie sich zu Diskussionen über ihre Arbeit getroffen
und um ein gemeinsames Ausstellungskonzept gerungen. Während dieser
Phase der Auseinandersetzung ist jedoch deutlich geworden, daß sie
jeweils sehr persönliche Handschriften entwickelt haben. Als offensichtliche
Gemeinsamkeit können lediglich die koreanische Heimat und die damit
verbundenen Telefonate nach Hause herausgestellt werden.
Die
Entscheidung, die Ausstellung mit der koreanischen Vorwahl zu überschreiben,
hat verbindenden und symbolischen Wert. Sie gibt dem Betrachter
einen Denkanstoß und wirft Fragen auf, die zur Beschäftigung mit den
ausgestellten Werken einlädt: Zeichnet sich ihre Situation als Fremde
in den Kunstwerken ab? Verbindet alle Ausstellenden ein gemeinsamer
künstlerischer Nenner, der sich aus ihrem Status als Ausländer in
Deutschland erklären ließe? Gibt es gar Hinweise auf die asiatische
Kulturzugehörigkeit, der die jungen Künstler den Großteil ihres Lebens
unterlagen? Wie äußert sich dieser Einfluß? Ist ihre Kunst für einen
europäischen Betrachter ohne tieferen Einblick in die asiatische
Kultur überhaupt verstehbar? Worin äußert sich jenes fruchtbare Aufeinandertreffen
zweier Kulturen?
Beginnen
wir die befragende Betrachtung der Einzelwerke mit der für diesen
Zusammenhang offenkundigsten Arbeit, der brennenden Brücke von Sunguck
Kang. Das Material, mit dem er sich seit einiger Zeit intensiv auseinandersetzt,
ist das Feuer. Seine beiden Beiträge zu der Ausstellung führen die
Titel "Feuer-Leiter" und "Feuer-Brücke". Muß eine brennende Brücke
nicht als Symbol für das gestörte Verhältnis eines seit längerer Zeit
in einer fremden Kultur lebenden Menschen zu seiner Heimat gesehen
werden? Übereinstimmend weisen alle beteiligten Künstler darauf hin,
daß sie inzwischen von ihrer koreanischen Heimat ebenso entfremdet
sind, wie sie sich auch in Deutschland nicht richtig heimisch fühlen.
Die Brücken sind also abgebrochen oder zumindest mit Hindernissen
versehen. Jedoch brennt Kangs Brücke nicht lichterloh. Wir stehen
nicht vor einem brennenden Inferno, keine zerstörerischen Flammen
züngeln an der Brücke empor. Vielmehr handelt es sich um kleine, gezähmte,
fast beruhigend wirkende Flammen; ausreichend allerdings, um das
Überqueren der Brücke zu einem sicher sehr schmerzhaften und risikoreichen
Gang zu machen. Dennoch wird das Feuer nicht in erster Linie in
seiner Gewalttätigkeit und Bedrohlichkeit, sondern eher als Zeichen
spiritueller Kraft präsentiert. Gerade im Kontrast zur Härte der metallenen
Brückenkonstruktion, in der sich auch die Tanks für den Brennstoff
befinden, erzeugen die Flammen den Eindruck eines immateriellen,
weichen Teppichs. Das Feuer wird trotz seiner die Funktion der Brücke
gefährdenden Qualität zum romantischen Symbol für den Übergang. Es drückt
die Sehnsucht nach einer Identität oder Zugehörigkeit aus, die für
den in Deutschland lebenden Asiaten offensichtlich nur noch zwischen
den Ufern aufgespürt werden kann.
Die
Gegensätzlichkeit von Sichtbarem, klar Erfaßbarem und dem Unfaßlichen,
von Festem und Flüchtigen ist Thema der künstlerischen Arbeit von
Jiyon Song. In ihren letzten Arbeiten hat sie die wechselseitige
Abhängigkeit des Gegensätzlichen herausgestellt, z. B. die immaterielle
Erscheinung des Lichts im Kontrast zur Faßbarkeit von Stoffbändern,
die sie in einen Lichtschacht gehängt hat, oder die Naturhaftigkeit
graziler Zweige in Abgrenzung zu statischen, tempelförmigen Keramikstücken.
Für
diese Ausstellung hat die Künstlerin sieben Keramikvasen erstellt,
in denen sie getrocknete Sträuße verborgen hat. In einem gleichnishaften
Text bezeichnet sie ihre Arbeit als die weißen Linien, die sich unsichtbar
neben einer schwarz gezogenen Linie auf dem Papier befinden. Das
eigentlich Unsichtbare soll durch den Kontrast mit dem stofflich
Faßbaren erfahrbar werden. Der Betrachter sieht die organisch und
ohne allzugroße Rücksicht auf Gleichmäßigkeit aufgebauten Keramikgefäße.
Sie zeigen sich zunächst in ihrer "normalen" Funktion als Schutzgefäße,
vergleichbar mit antiken Amphoren, in denen z. B. Getreide oder
Wein gelagert wurde. Das Innere als unsichtbare Entsprechung zur
rauhen, keramischen Außenhaut wird dabei als selbstverständliches
Pendant mitgedacht. Erst der Lichtschein, der aus den Vasen fällt,
rückt das Innere ins Bewußtsein. Der durch die Beleuchtung herausgeforderte
Blick in das normalerweise dunkle Innere der Vasen offenbart deren
überraschenden Schatz: verblichene Blumensträuße, Erinnerungen an persönliche
Erlebnisse, als die Zweige noch in voller Pracht standen, Symbole
für Lebensspuren, die jenseits aller Funktionalität und praktischer
Sinnhaftigkeit existieren.
Einem
vergleichbaren künstlerischen Schatz spürt auch Jaimun Kim nach. Skuril
wirkende Tonstränge hängen in gleichmäßigem Abstand an einer metallenen
Stange. Der Künstler nennt sie "Tonaale". In der Tat erwecken diese
Streifen einen organischen Eindruck, und jeder, der einmal in einer
Aalräucherei gewesen ist, kann die Titelgebung nachvollziehen. Dabei
liegt diesen Arbeiten ein ganz profaner Vorgang zugrunde. Die Tonstreifen
dienen normalerweise als Ausgangsmaterial für die Erstellung von
Henkeln. Jaimun Kim läßt sie in ihrem handwerklichen Rohzustand.
Dabei werden sie in mehrfacher Hinsicht zum Leben erweckt. Zum einen
führt der Trocknungsprozeß zu einer leichten Krümmung am Ende der Tonstreifen.
Die "Aale" beginnen sich zusammenzuziehen. Zum anderen werden sie
durch ihre Präsentation zu künstlerischen Objekten, die über ihren
ursprünglichen Zweck hinaus neue Bedeutung erhalten.
In
einem kleinen Begleittext schreibt der Künstler, daß sein Anliegen
im Aufspüren verborgener Energien begründet sei. Die "Tonaale" sind
demnach als Materialisierung ansonsten unsichtbarer Kraftlinien
zu deuten. Hiermit ist nicht nur die Visualisierung von Gravitationslinien
gemeint, vielmehr manifestieren sich in diesen keramischen Linien
vor allem grundlegende künstlerische Energien: "Eine Linie ist eine
Kraft, die ähnlich wie alle elementaren Kräfte tätig ist." (H. van
de Velde, 1902).
Eine
sehr spezifische, technisierte Form der Linie verwendet Sukyun Yang
in seiner künstlerischen Arbeit. Sein Ausgangsmaterial ist das Elektrokabel.
So formte er einen Baum durch die Installation von Kabeln. Die Früchte
dieses "Kabelbaumes" bestanden aus kleinen Lautsprechern. Aus ihnen
zwitschern Vogelstimmen, die er zuvor in einem Wald aufgenommen
hatte. Der Künstler schreibt dazu: "Ich habe versucht . es möglichst
natürlich aussehen zu lassen. Und den künstlich aus Kabeln installierten
Baum wie einen Baum im Wald darzustellen, einen Baum im Wald, der
auf natürliche Art und Weise gewachsen ist. Das ist, als ob der asiatische
Künstler aus früherer Zeit mit einfachem Material, Tusche und Pinsel,
auf Papier eine Orchidee gemalt hatte." Die Zusammenfährung von Natur
und Technik mittels der Elektrokabel mag zunächst erstaunlich erscheinen.
Gerade die damit verbundene Vorstellung, einen Baum mit Vögeln schon
in naher Zukunft nur noch in seiner Reduktion als technisches Surrogat
erleben zu können, macht Angst. Andereseits ist es konsequent, im
Zeitalter der Technik das romantische Ideal eines paradiesischen
Arkadiens, in dem der von der Natur entfremdete Mensch erneut eine
harmonische Einheit mit der Natur bilden konnte, auch mit den Mitteln
der Technik zu suchen. In der Ausstellung "0082" konfrontiert Sukyun
Yang den Besucher sehr unmittelbar mit seiner Version einer technisierten
Natur. Um in den Hauptausstellungsraum zu gelangen, muß man zunächst
durch einen Gang schreiten, in dem aus unzähligen Lautsprecherkabeln
das Geräusch eines starken Regengusses ertönt. Wieder ist das Naturbild
des Regens, der sich in Strömen ergießt, in die technisch-künstlerische
Form des Kabels übersetzt, das an Stelle der Regentropfen von der
Decke fällt. Statt der Feuchtigkeit fählt man die Kälte der Kabelummantelung.
Das Geräusch erzeugt das Bild eines wirklichen Regenschauers, ohne
diesen imitieren zu wollen. Der Künstler greift nicht zur computererzeugten
Virtual Reality, die das Naturerlebnis viel perfekter simulieren
könnte. Der eigenwillige Reiz seiner Arbeit liegt in der plastischen
Qualität, die sich aus der Betonung der stilisierenden Differenz
zum Naturvorbild ergibt.
Die
Auseinandersetzung mit der Maschine sucht auch Sangho Lee. Aus seinem
mechanischen Apparat ragen fünf Stäbe, die in einfachen Bewegungen
das Wort "Ich" in eine spiegelnde Metallfläche eingravieren. Sobald
man sich dieser "Ich-schreibe-Maschine" nähert, beginnt sie - durch
einen Bewegungsmelder aktiviert - mit ihrer stupiden und metallisch
kratzenden Tätigkeit. Zugleich steht der Betrachter seinem eigenen
Spiegelbild gegenüber, das von der glänzenden Metallfläche zurückgeworfen
wird. Während Sukyun Yang die Pole Natur und Technik in seinen Kabelplastiken
zusammenführt, provoziert Sangho Lee eine Synthese menschlicher Individualität
und maschineller Indentität. Die Maschine formuliert ihr Selbst über
das geschriebene "lch", das gleichzeitig von dem Spiegelbild des
Betrachters überlagert wird.
Der
Künstler schreibt: "Ich und das Spiegelbild sind sowohl "Eins" als
auch "Zwei". In der 2 1/2 Dimension können wir uns vereinigen: Wir
werden zu einem neuen "Ich-Sein". Für den europäischen durch moderne
Technikkritik und Technikfolgenabschätzung geschulten Betrachter
ist dies eine befremdliche und Angst einflößende Vorstellung. Müssen
wir uns in Zukunft einem solchen "Ichsein" unterwerfen, das durch
die Zusammenfährung menschlichen und maschinellen Bewußtseins erzeugt
wurde und das die menschliche Identität in ihrer angenommenen Außerordentlichkeit
in Frage stellt? Äußert sich in dieser Parallelität von Mensch und
Maschine ein nur aus dem asiatischen Kontext heraus zu verstehendes
Selbstverständnis menschlicher Individualität? Oder weist uns Sangho
Lee einen utopischen Ort menschlicher Evolution, in dem die Entfremdung
des Menschen durch die Maschine in eine glücklichere Harmonie aufgehoben
wird?
Insook
Ju entwickelt im Unterschied zu allen übrigen Künstlern der Ausstellung
ein Menschenbild, das viel stärker an der Abbildhaftigkeit orientiert
ist. Ihr Ausgangspunkt ist der eigene Körper, den sie - auf einem
Blatt Papier liegend - in den Konturen nachzeichnet. Diese Zeichnungen
im Maßstab 1: 1 dienen als Vorlagen für farbkräftige Stick- und Strickbilder.
Auf farbigem Papiergrund zeigen sie die junge Künstlerin mit Pullover,
Jacke und kurzer Hose. Sie nimmt dabei eine lässig-elegante Pose
ein, die aus einem aktuellen Modemagazin stammen könnte. Besondere
Beachtung erhält die Linie der farbig herausgehobenen Knopfreihe,
in deren Verlängerung sich Mund und Scheitel befinden. Angesichts
der Betonung dieser Mittelachse fällt die Auslassung der übrigen Gesichtsmerkmale
wie Nase oder Augen umsomehr ins Gewicht.
Obwohl
die Künstlerin ihre eigene Person darstellt, verzichtet sie auf diese
entscheidenden Merkmale individueller Persönlichkeit. Wir werden
mit einer Maske konfrontiert, die eine Leerstelle bildet. Diese
kann durch den Betrachter mit jedem anderen weiblichen Gesicht ausgefüllt
werden. So wird ein europäischer Betrachter kein asiatisches Gesicht
einsetzen. Insook Ju stellt sich dem kritischen Betrachterblick
nur in ihrer austauschbaren Äußerlichkeit. Sie reduziert ihr Porträt
auf das variable Modul einer weiblichen Silhouette ohne Individualität.
Die dabei verwendete Technik des Stickens ist dem klischeebehafteten
Repertoire traditionell weiblicher Handarbeit zuzuschreiben. Fügt
sich die Künstlerin in dieses belastete Bild der Frau? Verzichtet
sie freiwillig auf die Errungenschaften des weiblichen Kampfes um
Emanzipation? Oder richtet sie ihren selbstbewußten Vorwurf an eine
Gesellschaft, deren Erwartungshaltung in der langläufig nicht der
Kunst zugerechneten Sticktechnik gespiegelt wird? Auch hier ist
ihre Situation als Koreanerin zu berücksichtigen. Im Gespräch weist
sie darauf hin, daß sie als Asiatin für einen Europäer kaum oder gar
nicht zu durchschauen sei. Sie fühle sich oftmals unverstanden, da
man nur ihre Fassade wahrnehme. Als künstlerische Reaktion hierauf
stellt sie die Fassade selbstgestrickt und jederzeit auflösbar in
Frage. So hat sie -für "0082" zwei gestrickte Selbstporträts erstellt.
Wie ein Schatten liegt ihre Silhouette in zweifacher Ausführung lebensgroß auf
dem Boden. Sie sind jedoch nicht vollendet. In den über dem Kopf
befindlichen Händen stecken noch die Stricknadeln. Der verbliebene
Wollrest hängt als Wollknäuel an den Nadeln und ruft nach Vollendung
der letzten Reihen. Gleichzeitig würde ein einziger Ruck am Faden
genügen, um das Bild Masche für Masche aufzulösen.
Die
Einzelbetrachtung der unterschiedlichen künstlerischen Beiträge wirft
eine Reihe von Fragen auf, die nicht lediglich mit der koreanischen
Herkunft ihrer Autoren erklärt werden kann. Auch wenn bei den meisten
ein romantischer Grundzug zu verspüren ist, handelt es sich nicht
um eine Themenausstellung, die auf einen Generalnenner gebracht
werden könnte. Ebenso ist eine typische Handschrift, die Rückschlüsse
auf die Nationalität und den kulturellen Kontext dieser Künstler zulassen
würde, nicht zu erkennen. Es wäre vorschnell und leichtsinnig, von
einer charakteristischen Identität des koreanischen Künstlers in Deutschland
sprechen zu wollen. Nationale Identität läßt sich heute zumeist nicht
mehr klar abgrenzen. An die Stelle des kollektiven Charakterbildes
tritt die Überlagerung vielfältiger Phänomene, an die Stelle der bestimmten
Feststellung das vorsichtige Infragestellen. "0082" definiert sich
eher aus der Negation und dem Bewußtsein des Verlustes traditioneller
Identität. Die persönliche Konfliktlage nimmt diese Gruppe koreanischer
Künstlerinnen und Künstler zum Anlaß, mit ihrer Kunst eine neue, utopische
Identität zu schaffen, die auf die multikulturelle Welt des kommenden
Jahrhunderts vorausweist.
Martin
Henatsch
Insook
Ju
"Selbst
Strickendenmenschen"
Am07.05.95
haben wir, die Ausstellungsteilnehmer, über meine Arbeit diskutiert.
Meine
eigene Position lautete folgendermaßen:
"Zuerst
habe ich mich auf ein großes Blatt Papier und meine Konturen nachgezeichnet.
Nach diesem Plan habe ich die benötigten Strickmaschen ausgerechnet.
Beim Stricken habe ich die Figur unvollendet gelassen, weil ich
damit das Vorgehen der Menschen, das nach Vollkommenheit strebt,
zeigen wollte."
Andere
Interpretationsansätze, die im laufe dieser Diskussion geäußert wurden,
führe ich hier auf: "Obwohl diese Arbeit unbewegt ist, ist sie dynamisch,
weil der Arbeitsprozess nicht beendet ist. Wir stellen uns vor,
das Objekt würde sich selbst stricken. Aber betrachten wir die Sache
einmal anders herum. Nämlich als würde es sich nicht selbst gestalten,
sondern sich auflösen. Gestalten könnte Gestaltung des Sichtbaren
bedeuten. Auflösen dagegen könnte das Offenbaren des Wesentlichen
zeigen. Normalerweise ist der Raum unsichtbar, den die beiden gestrickten
Menschen besetzen, aber durch das Auflösen könnte dieser Raum sichtbar
werden. Wenn wir beispielsweise einen Kreis nicht vollständig gezeichnet
haben, vervollständigen wir ihn trotzdem in Gedanken. Den weggelassenen
Teil könnte man als eine weiße Linie(weil, das Papier weiße ist)ansehen.
Diese weiße Linie ist dann wichtig für die Gestaltung des Ganzen.
Von diesem Standpunkt aus betrachtet finde ich Ihre Arbeit sehr
interessant, weil diese Arbeit gleichzeitig bewegt und unbewegt
ist. Außerdem finde ich interessant, da Objekt und Subjekt in Ihrer
Arbeit identisch sind. Normalerweise besteht eine Distanz zwischen
demjenigen, der zeichnet (Subjekt) und demjenigen, der gezeichnet
wird (Objekt). Aber bei Ihrer Arbeit ist diese Distanz nicht mehr
vorhanden, weil Sie Ihren Körper selbst auf das Papier zeichnen.
Das bedeutet, Subjekt und Objekt sind identisch. Im Augenblick,
in dem Sie zeichnen, können Sie nicht sehen, woran Sie gerade arbeiten.
Das scheint mir die Besonderheit Ihrer Arbeit zu sein." "In gewisser
Weise finde ich die Arbeitsweise von Ju bescheiden. Mit Wolle und
der Tätigkeit des Strickens hat sie ein Material und eine Technik
angewendet, die aus dem Alltagsleben genommen sind. Damit stellt
sie sich selbst dar. Ich halte Arbeitsweise von Ju für weiblich."
Sukyun
Yang
Am
13.02.95 haben wir, die Ausstellungsteilnehmer, über meine Arbeit
diskutiert.
Andere
Interpretationsansätze, die im Laufe dieser Diskussion geäußert wurden,
führe ich hier auf
"Wenn
man die Arbeiten von Yang ansieht, einen Baum aus an der Wand befestigten
Kabelsträngen, fühlt man sich wie im Wald. Die Lautsprecher und Kabel,
die man anfassen kann, verwandeln sich in ein Stück Natur. Das heißt,
das belanglose normale Material verwandelt sich in ein Werk." "Ich
habe die gleiche Meinung, die Stimme macht den Raum kräftig, voll,
wie Kang eben gesagt hat. Wenn wir außerhalb des Raumes z. B. auf
der Straße oder auch anderswo diese Vogelstimmen, gehört hätten, hätten
wir uns dann genauso fühlen können? Wir wissen schon, bevor wir in
den Raum eingetreten sind, daß wir nicht im Wald spazierengehen.
"Diese Dinge, die wie ein Baum aussehen, sind kein Baum sondern
Kabel. Die Stimme ist auch keine echte Stimme sondern eine aufgenommene
Stimme." Trotzdem verlangt der Künstler vom Zuschauer irgend etwas.
Das verwirrt den Zuschauer und er fühlt sich vielleicht bedrängt.
Es erregt ihn, obwohl er vielleicht in seinem alltäglichen Leben
an solchen Dingen (Kabeln) vorübergeht, weil sie ihm unwichtig und
bedeutungslos erscheinen. Was den Raum erfüllt, die Vogelstimmen,
zwingt dem Zuschauer, Zuhörer etwas auf. Dies Bedrängende könnte die
Sehnsucht wachrufen, sich davon zu befreien. Konfuzius hat gesagt,
"Könnte ein Fisch im Wasser das Wasser wahrnehmen?" Wenn ein Fisch
aus dem Wasser herausgenommen wird, versucht der Fisch bestimmt
zurückzukehren. Möglicherweise, würde ich sagen, könnten Menschen sich
auf diese Weise an Orte, wo sie früher gewesen sind, zurücksehnen.
Ich frage mich, ob dieses Zurücksehnen Grund für das Vollsein des
Raumes ist."
Meine
eigene Position lautete folgendermaßen:
"Nachdem
ich die Malerei auf der Leinwand unterbrochen hatte, habe ich mich
in Deutschland seit ein paar Jahren mit der Arbeit "Gemüse und Obst"
beschäftigt. Als die Arbeiten größer und größer wurden, war ich schließlich
enttäuscht. Diesmal wollte ich eine Arbeit ausführen, die mich nicht
enttäuschen konnte. Darum habe ich diesmal Kabel und Lautsprecher
angewendet. Diese installierte Arbeit verschwindet nach dem Abbau,
und muß jedesmal neu installiert werden, weil die Arbeit selbst nicht
von Ort zu Ort transportiert werden kann. Da Baumzweige, d. h. die
Kabel sehr lang sind, kann man sich vorstellen, daß irgend etwas
von der Wurzel über Stamm und Zweige bis zum Lautsprecher übermittelt
wird. Das könnte auch als Wasserbahnen und Körperbau gedacht werden.
Ich habe versucht, als ich die Kabel an der Wand befestigt habe,
es möglichst natürlich aussehen zu lassen. Und den künstlich aus Kabeln
installierten Baum wie einen Baum im Wald darzustellen, einen Baum
im Wald, der auf natürliche Art und Weise gewachsen ist. Das ist,
als ob der asiatische Künstler aus früherer Zeit mit einfachem Material,
Tusche und Pinsel, auf Papier eine Orchidee gemalt hatte,"
|